24 Mär 2014

Trio Infernale vs. Paycontent

Submitted by ebertus

Da hat sich doch beim Freitag eine relativ neue Userin erlaubt, mit viel persönlichem Engagement ein sog. Community-Treffen vorzuschlagen, zu vertreten; sich dann gar noch erdreistet, realweltliche Vorbereitungen zu treffen. Blasphemie wohl in den Augen der informellen Seilschaften wie auch der anonymen, schon mal unter neuem Nick auferstandenen KampfbloggerInnen dort.

Keine Verlinkung hier auf die verschiedenen Blogs bei derFreitag, in denen via vieler Kommentare, einer reichlichen Zahl dann irgendwann "Ehemalige Nutzer" werdenden Sockenpuppen dieser Vorschlag eines Meetings subtil, aber auch schon mal kampfbetont; eben... bekämpft wurde. Wer da sucht und sich auskennt wird das schon finden. Hier soll es (einmal mehr) um die Frage gehen, ob und wie ein Freitag unter der immer mal ventilierten Bezahlschranke derartiges Gebaren noch ermöglichen wollte, oder eben implizit wie explizit verhindern würde.

In einem Freitagsblog nebst derer Kommentare dort wurden meinerseits vor einigen Wochen verschiedene Spekulationen dahingehend angestellt, was unter einer Bezahlschranke zu verstehen wäre, welche Konsequenzen dies hätte. Die Essentials sollen nun hier in komprimierter Form wiederholt werden, den eingangs genannten Kloppereien Rechnung tragen und die hinter Paycontent stehende Technik nochmals thematisieren.

 

Dieser Tage gerade zu einem neuen Micropayment-System gelesen,  meinerseits hier in einem anderen Blogtext mal kurz reflektiert, so stellt sich die Frage, wie bei derFreitag das Bezahlen eingentlich technisch hinterlegt werden wollte. Seit einiger Zeit gibt es dort zu den redaktionellen Beiträgen wie auch den Blogs diesen Flattr-Button, dessen Zähler mir jedoch immer "0", in Worten null signalisieren, beim Freitag und dahingehend über einen Erfolg (oder Nichterfolg) offiziell noch nicht berichtet wurde.

Eine großformatige Zeitung via beispielsweise PDF oder gar ePUB auf mobile Geräte umzusetzen, das ist zwar möglich, jedoch eher nur suboptimal, wie die entsprechenden Übungen mit gekauften Einzelausgaben der taz dies aus meiner Sicht zeigten. Eine vernünftige Lesbarkeit nebst zielführender Navigation innerhalb des Angebots kann wohl nur über eine App realisiert werden. Dies jedoch hat ernsthafte Konsequenzen.

Das Layout des Freitag und das der einzelnen Artikel muß gegenüber der browserbasierten Version für eine App entsprechend aufbereitet werden, sehr zeitnah zum Erscheinungstermin der Printausgabe sogar, um die zahlungswilligen APP-Nutzer nicht dem Zeitversatz auszusetzen, der aktuell zwischen Print und Online teilweise besteht.

Dennoch muss auch das browserbasierte Onlineangebot für die zahlenden Kunden sofort bei Erscheinen der Papierausgabe zur Verfügung stehen. Wer bereit ist für das Angebot zu zahlen, der wird sich kaum und exklusiv auf eine Technologie (Smartphone, Tablet) zwingen lassen, wenn er nach wie vor den PC oder das Notebook nutzen will.

Aus diesen zwei, nicht unbedingt trivialen Anforderungen ergibt sich meiner Meinung nach, dass derFreitag sowohl das logistische wie auch das technische Problem adressieren, sprich: zeitgleich mit der Printausgabe die Inhalte für mobile, wie für herkömmliche Geräte bereitstellen muss, für letztere die gegenüber einer App ungleich aufwändigere Sicherstellung des Zugriffs nur für zahlende Kunden realisieren müsste.

 

Eine Bezahlschranke -und soweit nicht auf eher diffuse, umstrittene Verfahren zurückgegriffen werden soll- beinhaltet immer und schon allein via dem Bezahlvorgang die realweltliche Identifizierung des Kunden durch den Anbieter/Betreiber des Mediums. Es kommt ein rechtsgültiger Vertrag zustande, der gemäß entsprechender AGBs sowie höherwertiger Rechtsgüter von den Vertragsschließenden Seiten unter Vermeidung von Sanktionen bei vertragswidrigem Verhalten einzuhalten ist. Welche Daten erfasst, verarbeitet und ggf. (an wen, wofür) weiter gegeben werden, das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die sog. Netiquette, was als insgesamt mögliches bzw. zulässiges Verhalten des Anbieters wie des Nutzers mit Sicherheit über entsprechende "Kostenlosmodelle" hinaus geht.

Moderation in herkömmlichen Sinne, sprich dem der Kostenlos/Freiwilligkultur greift dabei zu kurz, müssen vorhersehbare Kontroversen in den AGBs deutlich geregelt sein. Natürlich, falls es sich um den gut bekannten Top-Down Journalismus handelt, so hat der Anbieter zu liefern, der Konsument zu bezahlen soweit und solange der eingegangene Vertrag gilt. Bei derFreitag und falls die Beteiligung der Community unter Paycontent überhaupt noch einen Stellenwert haben sollte, da mag dies jedoch ganz anders aussehen, zusätzliche Anforderungen bezüglich Moderation und ggf. Sanktion definiert und adressiert werden wollten. Dazu einige Überlegungen:

1. Moderation ist bei allem Bemühen immer subjektiv, wird in einem Umfeld von Menschen mit zumindest formaler Bildung, von hochsprachlich sich artikulieren könnenden Teilnehmern zwangsläufig immer wieder an Grenzen kommen, scheitern. Daher sollte Moderation weitgehend durch technische und administrative Rahmenbedingungen bereits im Vorfeld ersetzt werden.

2. Die realweltliche Identifizierung durch den Betreiber wird mit Sicherheit eine deeskalierende Wirkung haben, werden die von der Anzahl her eher marginalen und wie ich sie gern nenne: virtuellen Kampfhundeausführer sich entweder zurück halten oder gleich ganz auf die Teilnahme verzichten. Das Thema der sog. Sockenpuppen, der Multinicks hat sich bei einem kostenpflichtigen Account eh' weitgehend erledigt, sollte zwangsexmatrikulierte "Ehemalige Nutzer" dann die absolute Ausnahme sein.

3. Da der Betreiber an zahlungswilligen Kunden ein essentielles Interesse hat, so ist er im Gegensatz zu der heutigen Umsonst- bzw. Freiwilligkultur mehr als interessiert, Kontroversen zwischen den Teilnehmern gerade auf der persönlichen Ebene nicht über Gebühr eskalieren zu lassen. In den AGBs kann primär die ultima ratio geregelt sein, muss einem ggf. dann doch zu sperrenden Teilnehmer sein anteilig bereits bezahlter Beitrag zeitnah zurück erstattet, dürfen keine weitergehenden Forderungen erhoben werden. Eine Neuanmeldung unter anderem Nick, ein heute gängiges Verfahren, ist dann und abhängig davon, wie die Identifizierung gestaltet wird, zwar theoretisch immer noch möglich; praktisch sollte dem Teilnehmer nach einer Zwangspause dann unter seinem originalen Nick der erneute Zugang gestattet sein. Das wäre wohl fair, erst bei der dritten Sperre endgültig sein.

4. In dem eher unwahrscheinlichen Fall einer realweltlich aufgehängten Eskalation sollte die Herausgabe von Teilnehmerdaten -und soweit dem keine höherwertig zu beachtenden Rechtsvorschriften entgegenstehen- ausschließlich auf das Vorliegen einer richterlichen Anordnung hin erfolgen. Mache mich in dem Zusammenhang immer gern lustig über einen seriösen Kampfblogger, der aus der Anonymität heraus gern mal mittteilt, er hätte alles gespeichert und behalte sich weitere rechtliche Schritte vor. Auf den wartet die Forenwelt noch, der sich aus der ihn schützenden Anonymität heraus bewegt, sich darüber entrüstet, dass sein gehegter und gepflegter Avatar beleidigt wurde. No way, aber darüber versuchen den Betreiber zu instrumentalisieren das geht schon; zumindest ohne Paywall noch...

 

Unterhalb der AGBs wären verschiedene administrative bzw. organisatorische Maßnahmen angezeigt, welche nicht zuletzt auch meine Zahlungsbereitschaft ernsthaft tangieren. Nicht dass derFreitag zu einem sozialen Netzwerk a la Facebook oder Google+ mutieren soll, aber gewisse Essentials dürfen hier doch (einmal mehr) formuliert werden, existierten manche Funktionen ja bereits bis zum letzten Relaunch vor mehr als einem Jahr.

# Ein konfigurierbares Benachrichtigungssystem via E-Mail, welches wahlweise auch in Echtzeit informiert, soweit Beiträge, Kommentare, Nachrichten etc. nach den vom Nutzer zu definierenden Kriterien anfallen. Das seit dem letzten Relaunch eingesetzte, kastrierte Zwangssystem genügt diesem Anspruch in keiner Weise.

# Ein PN-System (private Nachrichten), welches die nichtöffentliche Kommunikation zwischen den einzelnen Teilnehmern ermöglicht, verbunden mit einer Blacklist, die durch den Teilnehmer zu pflegen ist. Diese immer wieder gern beklagten Belästigungen bzw. Übergriffigkeiten können damit ein Stück weit verhindert werden.

# Bei Kommentaren zu eigenen Blogs scheint mir das aktuell mögliche Einklappen beinahe ausreichend, wäre für den Blogeinsteller noch die Option sinnvoll, Kommentare auch hart verstecken zu können. Diese wären dann nicht mehr allgemein lesbar, wie das jetzt mit dem weichen Einklappen noch möglich ist. Bislang macht von der offensichtlich bereits vorhandenen Option lediglich die Moderation gebrauch. Eine Blacklist auch hier, als Blogeinsteller andere gezielt vom Kommentieren im eigenen Blog abhalten zu können, das scheint mir und angesichts der Identifizierungsmöglichkeit durch den Betreiber doch etwas überzogen.

# Sinnvoll wäre es, wenn der Blogeinsteller nicht nur (wie bislang) entscheiden kann, ob Kommentare zulässig sind, sondern auch dahingehend, ob der Blog öffentlich lesbar sein soll oder nur für angemeldete User. Die Moderation sollte dies eh' entscheiden können und auch immer mal davon Gebrauch machen, wenn es sich um interne Themen, Nabelschauen etc. handelt oder der Kommentarstrang aus dem Ruder läuft, möglicherweise rechtsrelevante Einlassungen enthält.

# Anonyme Kommentare, sprich: die von nicht angemeldetet, nicht identifizierten Usern sollten möglich sein. Jedoch müssen diese Einlassungen grundsätzlich von der Moderation explizit freigeschalten werden; was dann einen mehr oder weniger großen Zeitversatz bedeutet, spontanes und speziell negativ konnotiertes Trollen begrenzt.

# Abschließend noch der/mein Dauerbrenner, was die sog. Einkipper angeht, die unter Community segeln, sich jedoch nicht oder nur äußerst marginal an den Diskussionen beteiligen. Nach meinem Verständnis ist derFreitag eben keine HuffPo, wo Selbstvermarktung und gar gesponserte Blogs nach meinem Eindruck nicht unbedigt die Ausnahme sind. Aus meiner Sicht sind derartige Einkipper schlicht Redaktion, oder und soweit derFreitag das separat gestalten möchte -fände ich bei vielen dieser Texte gar richtig bzw. verständlich- dann sollte dies nicht unter Community auf deren Frontseite passieren/firmieren. Separat und explizit ansteuerbar; warum nicht?


Es bleibt eben spannend, so oder so...!