13 Okt 2013

Sascha-Books / Nicht nur Wasserzeichen?

Submitted by ebertus

Diskutieren nicht nur über ein Buch, sondern mitten drin. Das find' ich gut, und da dieses Feature wohl abschaltbar ist, so wird niemand gezwungen daran teilzunehmen.

Sascha Lobo, eine reale Kunstfigur für sich und Christoph Kappes, sein Partner bei diesem Projekt möchten eine neue Lesekultur einführen, die der sog. sobooks, in digitaler Form im Netz vorliegende Bücher, browserbasiert lesbar. Und wie man das ja von diesen Diskussionsforen kennt, es der Browser ermöglicht bzw. dieser zur Teilnahme vorausgesetzt wird, so braucht der Plattformbetreiber die einzelnen Buchseiten nur noch mit einem Zugriffsindex versehen, kann dann die wilde Meute der Diskussionswilligen darauf loslassen; soweit sie dieses "Buch" bzw. den Zugriff darauf erworben haben - worüber noch zu reden sein wird.

Hier wird eingangs auf die technische Seite eingegangen, wo keine proprietären Reader mehr benötigt werden, die Bücher  mit jedem Browser auf unterschiedlichsten Systemen lesbar sind. Und damit stehen alle Features und Tools der gewohnten Umgebung zur Verfügung, ist das Lesen, das Buch ein Teil des gleichen Fensters zum Netz geworden. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, als sinnvoll erkannte Add-ons zu nutzen. Gerade (zu kleine) Schriftgrößen oder auch Kontraste wollte ich gern individuell eingestellt haben und verwende daher seit einiger Zeit das Firefox-Addon "NoSquint". Interessant ist, dass sich dieses Tool die gefundenen und als angenehm empfundenen Einstellungen individuell für jede Website merkt, also bei einem erneuten Aufruf dieser Seite sofort die letzte Einstellung reproduziert wird.

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Natürlich, die Ankündigungen und auch die Protagonisten sind hip, in der Szene nicht unbekannt; was allerdings dann gleich die Frage aufwirft, welche Szene hier relevant sein könnte. Ganz pauschal, internetaffine Menschen wohl, die in sog. sozialen Netzwerken aktiv sind. Ob diese nicht eher jedoch an eine (plakative) Häppchenkultur gewöhnt sind, sich weder die Zeit nehmen noch die Muße haben für längeres intensives Lesen, das wäre ebenfalls noch offen. Sich selbst und statt mit Marker und Kugelschreiber -so meine Art zu lesen- auf diese Art und Weise Notizen zu machen, vielleicht auch ganz gezielt mit Anderen zu teilen, das könnte mir möglicherweise gefallen.

Dass man die Bücher auch herunterladen kann, und ganz ohne hartes DRM in offenen Formaten wie EPUB oder PDF, das klingt auf den ersten Blick ebenfalls sehr sympathisch. Schließlich möchte ich analog der sog. Privatkopie oder des real in Papierform erworbenen Buches für die persönliche, die private Nutzung keinerlei Beschränkungen auferlegt bekommen. Aber huch, was ist das? "Die von uns ausgelieferten E-Books können wir  personalisieren mit einer Absenderkennung, eine Art Wasserzeichen; damit ist ihre Nutzung generell nachverfolgbar." sagt Christoph Kappes. "Können" ist kein müssen und prinzipbedingt wohl nur relevant, soweit ich das Buch herunterlade. Aber wird mir vor dem Kauf, die möglichen Konsequenzen einschließend  definitiv mitgeteilt, ob das erworbene Buch eine rechtsrelevante Zeitbombe sein könnte. Was ist, wenn mir der Datenträger gestohlen wird, oder jemand im Umfeld dem ich "das Buch" geliehen habe mißbraucht mein Vertrauen? No way! E-Books, die mich als ehrlichen Käufer dann möglicherweise haftbar machen, da via Wasserzeichen immer als natürliche Person identifizierbar, die kommen mir nicht ins Buchregal, erst recht nicht nicht ins virtuelle. In wieweit da schnell ein Graumarkt entstehen würde, bei dessen Kopien die Identität von "armen Schweinen" via Wasserzeichen hinterlegt ist oder im einfachsten Fall sog. Dummykäufer dann nicht real zu identifizieren sind, das sei mal dahin gestellt.

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Technischer Exkurs:

Wenn ich einzelne Buchseiten und was nicht selten vorkommt, zur Weiterverarbeitung scanne, so ist das entstehende Produkt im ersten Schritt ein Bild der Buchseite, sprich: eine Grafik, zusammengesetzt aus sog. Pixeln. Wieviele dies sind, hängt primär von der Auflösung und der Farbtiefe ab. Wenn nun ein geringer Teil dieser Pixel durch einen mathematischen Algorithmus manipuliert wird, der (menschliche) Betrachter dies nicht erkennen wird, so können individuelle Kennungen bzw. Muster in das Bild, die Grafik, die einzelne Seite eingearbeitet und diese dann (später, jederzeit) durch eine entsprechende Software ausgewertet werden.

Für ein Buch beispielsweise mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren müssten somit 10.000 individuelle Muster erzeugt werden und sobald ein Kunde dieses Buch (als Datei, PDF etc.) erwirbt und herunter läd, werden in seiner Kopie alle Seiten mit diesem unsichtbaren Muster versehen, dieses Muster an sich dann mit den personenbezogenen Daten des Käufers verbunden und vom Verkäufer in einer Datenbank, einer Tabelle verwaltet. Wer den jeweils verwendeten Algorithmus kennt, berechtigterweise oder sonstwie Kenntnis davon erlangt hat, kann diese Muster durch eine entsprechende Software mit Sicherheit auch entfernen bzw. neutralisieren lassen.

Für die praktische Nutzung aus Anwendersicht ist das Vorgenannte jedoch noch nicht das Ende der Fahnenstange. Um Text auf der Ebene einzelner Zeichen, Worte oder Sätze bearbeiten, beispielsweise copy&pasten zu können, muss diese durch das Scannen erzeugte Grafik danach in einem Texterkennungsprozess (OCR) umgewandelt werden. Hier sei daher mal unterstellt, dass sobooks, deren einzelne Seiten nicht als Grafik, sondern in nutzbarer Textform vorliegen. Ansonsten wäre das Thema eh' erledigt, wird sich kaum jemand nur Bilder angucken wollen.

Für eine derartige Textform jedoch stellt sich das Thema "Wasserzeichen" nun etwas anders als auf Pixelebene. Der kreative Einsatz von Leerzeichen ist zwar möglich, aber kaum in der genannten Größenordnung individueller Muster ohne die Lesbarkeit zu beeinträchtigen. Außerdem wäre durch rescannen, reOCRen der ganze Zauber wohl schnell zu beseitigen. Hier hilft dann wohl nur ein Kopierschutz, der Texte verändert, wie vor einigen Monaten und durchaus seriös in der Benennung von Quellen bei Telepolis berichtet wurde. Mal abgesehen davon, dass sobooks diese  neue "Technik" -das sei hier unterstellt- wohl nicht einsetzen werden und es genau das ist, was hoffnungsfrohe Doktoranden gern schon mal verwenden um anderer Leute Texte als eigene zu verkaufen, so gibt es nun ein eher technisches Problem. Es kann nicht mehr pro Seite, sondern bestenfalls pro Kapitel oder gar pro Buch so ein Muster erzeugt werden, welches der Text(sinn) ja erst einmal hergeben muss, kaum automatisiert werden könnte und sich bei den genannten Größenordnungen von Auflagen/Kunden aus Sicht individueller Muster umgehend ad absurdum führen würde.

In welcher Form werden dann die sog. Wasserzeichen realisiert? Meine Vermutung zum PDF-Format (EPUB kenne ich nicht wirklich, aber es wird ähnlich sein) wären die sog. Metadaten. Diese sind, zum Teil jedenfalls, nur mit speziellen Tools auszulesen und darüber hinaus gegen Veränderung zu sperren. Ok, einen Rescan mit neuem OCR überstehen die nicht, aber das dürfte für den normalen Anwender und für jedes einzelne Buch wieder neu dann doch etwas zu aufwendig sein.

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Und dann wären da noch die vor bzw. während des Kaufes ablaufenden Prozeduren, ebenfalls für die Mitleser, welche online zugreifen wollten. Nochmal Kappes: "Ja, es ist lediglich ein kostenfreier Sobooks-Account nötig, der via Facebook-Anmeldung einzurichten ist. Ein eigener Login kommt natürlich noch, da bleibt es nicht bei Facebook (...) Pro erworbenem Buch dürfen drei andere Accounts auf das Werk zugreifen". Das bedeutet im Klartext, um (mit)diskutieren zu können muss ich mitlesen dürfen, mich also ebenfalls registrieren. Was zu einer durchaus relevanten Frage führt, ob die (maximal) drei Mitleser als statisch anzusehen sind, oder ich denen als Käufer des Buches auch die Leserechte entziehen, dann ggf. andere zulassen kann; oder dies von mir ganz falsch (siehe weiter unten) verstanden wird. Woran sich noch die weitere Frage anschließt, wie die Modalitäten für eine Moderation der Einträge geregelt sind. Darf ich als Käufer eigene oder mehr noch die Einträge anderer Diskussionsteilnehmer löschen, anderweitig behandeln?

Darüber hinaus stellt sich analog zum Kauf eines papiernen Buches eine sehr grundsätzliche Frage. Das Papierene erstehe ich im Buchladen meines Vertrauens, zahle bar und kann es dann auch auf dem Toaster lesen; oder reinschieben... "Der Nutzer ist im Moment im Markt total eingesperrt: Amazon schreibt vor, wie und wo das E-Book verwendet werden darf. Wir dagegen glauben: Wenn der Nutzer ein Buch gekauft hat, soll er damit privat machen, was er möchte. Wenn er es auf seinem Toaster lesen will, soll er das tun." sagt Sascha Lobo - und diese ganzen Anmeldeprozeduren, Accountverwaltungen, Wasserzeichen etc. sind nun genau wofür...?

Wobei Lobo (oder vorher Kappes) mich dann doch etwas verwirrt. "Zum einen kann man bei uns jedes Buch auch verschenken, es reicht, den Namen des Beschenkten und seine E-Mail-Adresse einzugeben. Bislang werden E-Books kaum verschenkt, dabei macht das Buchgeschenk einen großen Teil des Papierbuchmarkts aus" spricht der Lobo. Kann ich jetzt also einen von den maximal drei Mitleseaccounts verschenken? Oder muss ich zum Verschenken nochmals kaufen? Anders herum: sind diese drei Mitleseaccounts eventuell etwas höher privilegiert, kann ansonsten über die Zahl drei hinaus jeder mitdiskutieren, der sich via Facebook so einen oben von Kappes genannten, kostenfreien "sobooks-Account" erstellt? Dann könnte die Moderation der Diskussion aufwendig werden; oder habe ich das vollkommen falsch verstanden?

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Abschließend zu der berechtigten Frage, was denn die Verlage über das Konzept nun sagen nochmals Christoph Kappes: "Erstmal sind die durchweg wohlwollend, weil wir ein Hoffnungsträger gegen das Quasi-Monopol von Amazon und Apple sind. Die Inhalteanbieter bekommen als Mehrwert die Optionen zur unmittelbaren Aktualisierung, die Diskussionen und Kommentare, die Updates und Resonanzen, dazu Auswertungen." Hhm..., Optionen zur Aktualisierung, Auswertungen? Ich möchte das gekaufte Buch aber nicht aktualisiert haben -wie auch immer begründet. Das geht bei einem papiernen Buch ebenfalls nicht und wer erinnert sich noch an die Geschichte, wo ein bekannter EBook-Anbieter einzelne Bücher aus der Ferne gleich mal (online) in der Bibliothek des offiziellen Käufers gelöscht hat; wegen schnöder lizenzrechtlicher des Probleme des Verkäufers wohl. Bei mir ist wegen einem Gegenstand, den ich legal erworben habe noch kein Verkäufer eingebrochen, das sollte auch zukünftig nicht passieren; wo kämen wir denn da hin... Über Auswertungen wollte ich da gar nicht erst nachdenken..

Mein Fazit: Es sind durchaus einige neue, innovative Ideen und technische Weiterungen gegenüber herkömmlichen E-Readern in diesem Konzept der sobooks enthalten und man wird beobachten müssen, welche Inhalte dann dort überhaupt zur Verfügung stehen, wie sich die nicht zuletzt hier im Blogtext aufgeworfenen Fragen und Weiterungen klären bzw. entwickeln werden. Das Projekt insgesamt scheint mir interessant und ausbaufähig.

Wie aber ebenfalls zu konstatieren ist, handelt es sich und gerade was das Tracking der Nutzer betrifft zwar nicht um ein herkömmliches, klassisches DRM, liegt unter dem Neuen jedoch wohl eine (wenngleich softe) Art von Rechtemanagement,  die der Konsument akzeptieren kann; oder eben nicht. Nur sollte man dahingehend eine transparente Information durch den Verkäufer bzw. Betreiber der Leseplattform erwarten dürfen.

 

Verwendete Quellen:

Sascha Lobo stellt sich den Fragen von ZEIT ONLINE

Christoph Kappes erläutert das Konzept bei iRIGHTS.info

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Ergänzung hier im Blog: Hard- vs. Soft-DRM / der Verlierer ist immer der ehrliche Kunde

 

sobooks "verschenken"

Schreibe gerade mal die beim Morgenkaffee so vorbei kommenden Gedanken hier rein, weil dieser Blog (für mich) ja ebenfalls eine Art Marker darstellt, offenes bzw. weiter zu vertiefendes eingeschlossen.

Wenn ich ein derartiges sobook "verschenke", dahingehend also kaufe/bezahle wie das bei Geschenken nun mal üblich ist, bin ich somit Vertragspartner des Verkäufers? Ist es meine Identität, welche in dem dann eingebrachten Wasserzeichen hinterlegt wird? Das Buch bzw. das Geschenk "hüten wie meinen Augapfel" ist ja dann beinahe per Definition nicht (mehr) möglich. Oder muss der Beschenkte nun im Folgeprozess und damit beinahe zwangsweise -weil ja von mir beschenkt- ebenfalls Vertragspartner des Verkäufers werden, spätestens wenn er sich sein Geschenk runterladen wollte? Kommt dann seine Identität in das Wasserzeichen? Muss er jetzt das Geschenk hüten, wegen der möglichen rechtsrelevanten Zeitbombe?

Oder sind diese Fragen eher rein theoretischer Natur?

 

bis vermutlich März 2014...

Und mit dem dafür notwendigen Facebook- oder Twitteraccount kann ich nicht dienen. Überhaupt, anmelden geht (vorerst) nur via Facebook, aber man arbeitet intensiv an einer Anmeldemöglichkeit per Mail. Bis März 2014 sollte das doch zu schaffen sein, ebenso die Bereitstellung anderer Bezahlmöglichkeiten über das momentane Paypal bzw. die Kreditkarte hinaus.

Weil, natürlich würde ich mir dort dann ab/nach März 2014 ein virtuelles Buch kaufen, es ebenso natürlich runterladen wollen. Einerseits hüten wie meinen Augapfel wegen der hinterlegten persönlichen Daten, aber andererseits die im Blogtext angesprochene Wasserzeichenphilosophie technisch weiter vertiefen.

Und -last but not least- mit der Idee, das "eigene" Buch dann zu lesen, zu kommentieren, zu moderieren, zu verleihen, zu verschenken und all das andere zu testen, was oben im Blogtext lediglich andiskutiert wurde, ein gewisses Stochern im virtuellen Nebel eingeschlossen.

Status und Bedienungsanleitung: So have a look ...