14 Jun 2012

Nicht wie Ich, wie Du, wie Wir

Submitted by ebertus

Graffiti mag ich im Grunde nicht, erst recht keine grelle und/oder aufdringliche, gar noch mit gruseligen Fratzen versetzte; auch wenn diverse Besuche in NYC dahingehend schon mal an mein Aufmerksamkeitspotential appelierten. Dokumentationen mag ich durchaus, historische Bezüge darstellende, Entwicklungen aufzeigende, Protagonisten und deren Psychogramme nachzeichnende nicht zuletzt. Und gern an Originalschauplätzen mit authentischen Personen, derer durchaus erkennbar verschiedener Perspektiven.

Unlike U ist so eine filmische Dokumentation zur Berliner Sprayerszene, äußerst authentisch und nicht nur die Akteure (vulgo: Täter) kommen zu Wort, werden in ihrem Tun von deren eigener, anonymer Kamera verfolgt. Die durchaus differenziert zu verstehenden Perspektiven und Reflektionen eines leitenden Polizeibeamten, eines externen Fotografen, eines Herstellers von Sprayfarbe, des Bruders, auch der Mutter eines Sprayers  sind das, was in der Regel wohl von einer derartigen Dokumentation erwartet wird. Und nicht trashig, vordergründig Aufmerksamkeit erheischend nachgestellt, wie in den sog. Reality-Shows des sog. Unterschichten-TV. 

Über einen Eintrag bei law blog war mein Interesse geweckt, nicht weil ich Sprayer werden wollte, das irgendwie heroisch oder nachahmenswert finde. Nein, wegen dem von Udo Vetter herausgearbeiteten Konstrukt, diesem Widerspruch von Eigentum vs. Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit, gerade was das "Eigentum" an einem quasi öffentlichen Raum bedeutet. Die Fragestellung ist aus meiner Sicht nicht uninteressant, der aktuell und zunehmend erlebbaren Zensur, der Gleichschaltung von veröffentlichter Meinung auch via Kultur und Kunst geschuldet. Dokumentationen in diesem herkömlichen, klassischen, gern auch investigativen Sinne wären zur Disposition gestellt, wenn das von Vetter diskutierte Urteil Bestand haben sollte.

Und wie von den Machern des Films angekündigt, ist dieser nach leidlich aufwendiger Suche aktuell im Netz wohl zu finden, mit einem entsprechenden Browser-Plugin gar runter zu laden. Auf das sog. Einbetten sei hier gern verzichtet, nicht zuletzt der Abmahnung und dem laufenden Verfahren gegen Rechtsanwalt Markus Kompa geschuldet. Wie lange -und wie of dann neu- die Videos im Netz stehen, das wird sich zeigen, wobei der sog. Streisand-Effekt nach diesem Urteil nicht zu vernachlässigen ist.

Es sollte klar sein, dass ich mich von jeglichen, in Zusammenhang mit diesem Dokumentarfilm erkennbar begangenen, strafbaren Handlungen distanziere, mich keinesfalls gemein machen wollte. Nur ist es das Wesen von Dokumentarfilmen, gern auch derer mit historischen, mit möglicherweise äußerst negativen Kontexten, dieses darstellen zu dürfen, es gar unter sehr deutlich erkennbarer Authentizität zu müssen.

 

Nachtrag I  - und btw. Selbstzensur, die effektivste Art von Zensur:

Nach einem Blick auf den Blog des erwähnten Markus Kompa und "seinen" Fall scheint es mir angeraten, nicht nur auf das Einbetten zu verzichten, sondern auch das reine Verlinken zu unterlassen.

 

Nachtrag II - und mittlerweile gibt es bereits diverse Mirrors für den Film, der Streisand-Effekt; und sollte "jeder" bei Interesse finden können. Danke!

 

Nachtrag III - Passt beinahe wie die berüchtigte Faust auf das Auge, hier ebenfalls ohne Link, der netzaffinen Suche anheim gestellt: Wer kennt sie noch nicht, Martha, 9, aus Payne in Schottland? Der wurde verboten, in der quasi öffentlichen Schulkantine zu fotografieren; implizit und damit schlimmer noch, die Fotos von dem qualitativ hochwertigen Essen in ihrem Blog öffentlich zu zeigen, in einer aktuellen Art von authentisch belegter Dokumentation zu kommentieren. Bezeichnend, incl. dem dann doch erfolgten Rückzieher der dortigen Verwaltung; möglicherweise ein Vorbild für die Berliner BVG?

 

Am Mittwoch im Babylon

Und wie oben geschrieben...:

Dokumentationen mag ich durchaus, historische Bezüge darstellende, Entwicklungen aufzeigende, Protagonisten und deren Psychogramme nachzeichnende nicht zuletzt. Und gern an Originalschauplätzen mit authentischen Personen, derer durchaus erkennbar verschiedener Perspektiven.

Ok, am Mittwoch werde ich nicht im Babylon sein, lagert dieser Film doch seit der hier thematisierten Kontroverse in meinem privaten Archiv. Ein, so meine ich, sehenswertes Zeitdokument und in dieser rechtlichen Auseinandersetzung ging es ja nach meinem Verständnis gerade nicht um das, was eine derartige Dokumentation ausmacht, ging es primär um die rein formale Frage der (nicht) genehmigten Entstehung dieses Filmmaterials. Dabei ist es ja jenseits des Formalen, des Zulässigen, des selektiv Gewünschtem gerade das Wesen von Dokumentationen schlechthin, erst recht in entsprechendem zeitlichen Abstand, einer möglicherweise global zu verstehenden Adressierung.  Insofern ist die Entscheidung des Kammergerichts ausdrücklich zu begrüßen. 

Unlike U wieder erlaubt

Gerade bei RA Udo Vetter gelesen, sein erster Eintrag zur Causa ist weiter oben im Blogtext verlinkt.

Offensichtlich sieht das Berliner Kammergericht die grundsätzliche Tragweite der erstinstanzlichen Entscheidung ebenso kritisch, wären die Freiheit von Kultur und Kunst, wären Dokumentationen in diesem herkömlichen, klassischen, gern auch investigativen Sinne zur Disposition gestellt.

Ok, das neue, aktuelle Urteil ist wohl noch nicht rechtskräftig, kann die Berliner BVG noch nachlegen, obwohl es in dieser Doku weitgehend um die zur DB gehörende S-Bahn geht.

Und ja, der Film war nie wirklich weg, ist mit etwas Suchaufwand nach wie vor in voller Länge und guter Qualität im Netz zu finden.

Hier der aktuelle Link zu lawblog.

warum so ängstlich?

man kann sich den Film bei YouTube mit diesem Tool http://j.mp/LnpDWF leicht herunter laden, er ist in der Tat ein interessantes und sehenswertes Zeitdokument.
Die Verbreitung zu ver/be-hindern war wohl das Dümmste, was man sich einfallen lassen konnte, denn das hat ja nur den Anreiz zu massiver Gegensteuerung immens erhöht.

Eher vorauseilend pragmatisch

Hallo @Gast,

so ein Download-Tool, wie von Dir verlinkt, ist sicher kein Problem und hat speziell mit dem in Rede stehenden Film im Grunde nichts zu tun. Dahingehend verwendet wird von mir nach einigen Versuchen mit anderen Tools das Firefox-Plugin namens "Video-Downloadhelper":

Die direkte Verlinkung auf eine der im Netz verfügbaren Kopien von "Unlike U" scheint mir jedoch rechtlich (beinahe) genau dem zu entsprechen, was der RA Markus Kompa in dem hier verlinkten Beitrag zu seiner "Klehranlage" beschreibt. Ein Link also, eine Einbettung gar zu einem mittlerweile unter dem deutschen Rechtssystem verbotenen Content, diesen Film eben. Ob die aktuelle Entscheidung in möglichen, weiteren Instanzen Bestand hat, ist für mich, meine Entscheidung des Nichtverlinkens erst einmal nicht relevant.

Ansonsten sind wir wohl absolut einer Meinung. Verbote erzeugen -u.a. wegen dem genannten Streisand-Effekt- eher das Gegenteil, also erst recht Interesse daran, was da verboten wurde, sind im globalen Netz eh' kaum durchzusetzen. Und inhaltlich glaube ich ebenfalls, dass dieser Film ein sehenswertes Zeitdokument darstellt, auch und gerade wegen der Psychogramme und der unafgeregten Analysen aus durchaus verschiedenen Perspektiven.