14 Apr 2012

Avraham Burg: "Hitler besiegen"

Submitted by ebertus

Um es einleitend deutlich zu sagen: Dieses Buch hat mich in erheblichem Umfang zu einem erweiterten, einem tieferen Blick auf Israel, auf das Judentum geführt. Darüber hinaus lassen sich gerade die religionsphilosophischen Kontexte in einem faszinierend aktuellen Bezug zu lesen und verstehen, obwohl das Buch in seiner ersten, hebräischen Ausgabe bereits aus dem Jahr 2007 stammt.

"Hitler besiegen" ist der Blick eines Israeli, eines Juden, eines Liberalen aus dem politischen Establishment auf das eigene Land und dessen vergangene, aktuelle und zukünftig erwartbare bzw. wünschenswerte Entwicklung und Stellung in der globalen Welt. Es ist der Blick dieser sog. "secular liberals", gern auch der bisherigen, gesellschaftlichen Eliten, deren von einer westlichen Moderne geprägtes Weltbild in Israel zunehmend unter den Einfluss religiöser und nicht zuletzt extrem fundamentalistischer Strömungen gerät. Burg entwickelt diese Perspektive einerseits aus der religiösen Historie des Judentums, andererseits aus den aktuellen Entwicklungen, vom Holocaust bis zu den, die heutige israelische Gesellschaft zunehmend prägenden Einwanderungswellen ab den 1990er Jahren.

Das Buch von Avraham Burg, welches "so" wohl nur ein in Israel lebender Jude schreiben kann lebt in meinem Verständnis aus drei wesentlichen Reflektionsebenen, welche schlußendlich ein nur gemeinsam zu verstehendes Ganzes ergeben, soweit es einerseits die in Israel lebenden Menschen betrifft, andererseits über den existierenden Staat Israel hinaus durch die (insgesamt) Mehrzahl der in der Diaspora lebenden Juden ergänzt werden muss und schlußendlich die jüdische Religion thematisiert, der sich Burg gerade im hinteren Teil seines Buches zuwendet. Anstelle der drei genannten Reflektionsebenen wäre im Sinne einer pragmatischen, aktuellen Konstatierung der ablaufenden Ereignisse die Zweiteilung des Buches, der Inhalte zu verstehen, eine Perspektive, die möglicherweise in einem weiteren Beitrag noch etwas vertieft wird.

 

1. "Wem gehört der Holocaust" als eine Kapitelüberschrift verwendet, aber vielfältig und eher in Form eines roten Fadens zu verstehen. Es ist die Beschreibung einer staatsräsonalen Vereinnahmung der Shoah, wobei weniger -wenn auch begleitend- das sog. Holocaust-Business im betriebswirtschaftlichen Sinne gemeint ist, sondern die nicht zuletzt auf das Unbewußte abzielende Erzeugung einer (beinahe) Paranoia im Sinne von "wir Israelis/Juden gegen alle"; im Zweifelsfall auch gegen die Juden in der Diaspora.  

2. "Ein neues Judentum", ebenfalls als Kapitelüberschrift verwendet, die aus Sicht des Autors eine durchaus substantielle und weitgehend negative Entwicklung impliziert,  hin zu primär religiös geprägtem Fundamentalismus und Nationalismus. Es geht dabei (nach Burg) um einen latenten, einen "passiven" Rassismus, ein Postulat der Einzigartigkeit und schlußendlich Überlegenheit allem Jüdischen, dessen Apologeten, dessen historische und aktuelle Wegbereiter der Autor benennt, deren Denken er diskutiert.

 

Den Beginn einer substantiellen Vereinnahmung des Holocaust, gegen den jeder vergangene, gegenwärtige und implizit auch zukünftige "crime against humanity" verblassen soll datiert der Autor auf den Anfang der 1960er Jahre, genauer den Eichmann-Prozess. Und dieses, den Menschen und gerade in Israel ab der Geburt installierte "Betriebssystem" beschreibt Burg dergestalt:

Der Holocaust gehört uns und alle anderen Morde in der Welt sind normale Übel, kein Holocaust. Und wenn es kein Holocaust ist, geht es mich nichts an[...] Wir haben nie versucht, unsere Shoah als Ereignis im historischen Kontinuum anderer zu sehen.

Welche Konstellationen und Allianzen, welche Denkschemata für und in Israel damit einher gehen, das beschreibt und diskutiert Burg an vielen Beispielen und ohne einen sog. Bodycount als Leitindex zu verwenden; was geläufige, zuweilen abwertend eingesetzte Diskurspraxis ist - soweit es gerade passt. Für Burg ist der Maßstab, der Indikator eines Holocaust, eines Völkermordes der offizielle, der staatliche, der institutionell verordnete und umgesetzte Charakter des Vernichtens. Somit das Morden in Strukturen und Hierarchien, wobei die ökonomischen Resultate für die Mörder als Staat, als Institution nicht unbedingt im Vordergrund stehen müssen. "Ohne die Kolonialisierung ist die Shoah nicht zu verstehen" schreibt Burg und setzt sich dann mit diesem generellen  "Crime against humanity" auseinander, welcher aus seiner Sicht und nach seinen Kriterien vergleichbar ist: Die weitgehende Ausrottung der nordamerikanischen Ureinwohner, die Verbringung und Versklavung der Afrikaner eben dorthin, die beinahe totale Ausrottung der afrikanischen Herero, der Völkermord an den Armeniern, den vielfachen Mord in Ruanda an den Tutsi; eine Aufzählung des Grauens und bis hin zu den relativ aktuellen Geschehnissen auf dem Balkan oder der Apartheid in Südafrika. Die Rolle Israels in diesen Kontexten, die staatstragende Meinung war und ist dabei nach Auffassung von Burg entweder geprägt durch Wegsehen, durch Ignorieren oder gar durch offene Parteinahme zugunsten der Täter. Nochmal Avraham Burg und die Vernichtung der europäischen Juden war...

...ein facettenreiches universelles Ereignis, das innerhalb der historischen Entwicklungslinien der Welt stattfand[...] Sie haben verstanden, was wir in Israel noch nicht begriffen haben: Wer den Holocaust an anderen verleugnet, wird letztlich erleben, dass sein eigener Holocaust verleugnet wird[...] Diese offizielle Position entspricht dem israelischen Ghetto in seiner schlimmsten Ausprägung. Ohne die Dynamik der Welt erkennen und begreifen zu können, vergraben wir uns in den Fuchsbau unserer Identität[...] Der geistige Isolationismus ist der nationale Fluch unserer Generation .

Und mit "Sie" ist gemäß Avraham Burg -der sich meinem Eindruck nach primär als Weltbürger, dann eher als Jude denn als Israeli versteht- die überwiegende Staatengemeinschaft eben dieser Welt gemeint; was nicht zuletzt die zunehmende Isolation Israels reflektiert. In dem Zusammenhang und vielleicht hier abschließend zu diesem Aspekt verweist Burg auf Hannah Arendt, eine kritische Berichterstatterin des Eichmann-Prozesses, welche bereits damals auf das Grundsätzliche einer dem Menschen als solchen innewohnende "Banalität des Bösen" abhob, welche durch institutionelle Strukturen eine bürokratische Normalität im Denken der Täter erzeugen kann, keinerlei Schuldgefühle dann mehr aufkommen lässt. Arendt wurde für diese Sichtweise des quasi "leugnens" der Einmaligkeit angefeindet und wenn der Blick heutzutage und hierzulande auf sog. "antideutsches Gebaren" fällt, so ist Fanatismus, so sind Ähnlichkeiten mit der damaligen und beinahe mehr noch aktuellen israelischen "Staatsräson" der gelebten Einmaligkeit, der sich selbst verordneten Absolution nicht zu übersehen. Wie Opfer zu Tätern werden, die inneren Widersprüche eskalieren, das formuliert Burg als Bestandsaufnahme, aber ebenfalls als Hoffnung jenseits kollektiver (kollektiv verordneter) Paranoia:

Wir und viele unserer Führer die uns aufstacheln sind überzeugt, dass nahezu jeder uns vernichten will. Da wir uns so von Schatten bedroht fühlen, die uns im Morgengrauen angreifen wollen, sind wir zu einer Nation von Angreifern geworden[...] Unser Staat ist so fest etabliert und mächtig, wie es nahezu seit der Zerstörung des Zweiten Tempels nicht mehr der Fall war[...] Ständig wollen wir wegen der Shoah eine noch schlagkräftige Armee, mehr Mittel von den Steuerzahlern anderer Länder und eine automatische Vergebung aller unserer Exzesse[...] So kann es nicht ewig weitergehen. Dieser innere Widerspruch wird sein Gefäß, den Staat und die Gesellschaft die ihn enthält, sprengen[...] Gehen wir in die Vergangenheit, an der wir uns immer orientiert haben, oder entscheiden wir uns für eine bessere Welt, deren Basis Hoffnung, nicht ein Trauma, Vertrauen in die Menschheit, nicht misstrauischer Isolationismus und Paranoia ist?

Aus innerisraelischer Sicht und nicht zuletzt sehr grundsätzlich -darauf wird im zweiten Teil noch eingehender zu schauen sein- ist das "die Reihen schließen" gegen einen fiktiven oder realen äußeren Feind natürlich ein probates Mittel, die zunehmenden Zentrifugalkräfte der israelischen Gesellschaft zu kanalisieren, Menschen subtil zu instrumentalisieren. Die Juden in der Diaspora dagegen, sie unterliegen dieser beinahe "von Amts wegen" erzeugten "Paranoia", diesem Isolationismus naturgemäß nicht in dem Maße wie diejenigen in Israel; was nicht zuletzt auch zunehmende Spannungen zwischen "richtigen" und "partiellen" Juden erzeugt, wie dies gerade von dem israelischen Psychologen und Philosophen Carlo Strenger und nicht zuletzt mit Hinweis auf Peter Beinart (The Crisis of Zionism) diskutiert wird. Eine spannende Sicht, u.a. via der liberalen israelischen Tageszeitung "Haaretz" zu lesen.

 

Rechtsrelevant...2

"Burg stellt der israelischen Politik eine klare und unmissverständliche Diagnose: Paranoia. Insgesamt 13 Mal benutzt er diesen Begriff. Zusätzlich verwendet er auch die Worte pathologisch und schizophren."

Hier aus den Seiten 38/39 eines weiter unten verlinkten lesenswerten Textes zitiert. Das bei den selbst ernannten Hilfsscheriffs schon mal Schnappatmung erzeugende "Schlüsselwort" ist ebenfalls enthalten. Dabei wäre mit Avraham Burg doch mal ein realer "Gegner" vorhanden, an dem der anonyme Geisterjäger via diesem gern als Drohung zitierten "130" entlang schrammen könnte; die übliche Vulgärakrobatik seines Mentors und Vorbildes von den guten Achsen eingeschlossen.

Immer nur die kleinen, vermeintlich leichten "Gegner" deutscher, liberaler bis linker Provenienz jagen, beschimpfen und bedrohen, das sollte einem echten "Mann" -der das Gesetz bei Bedarf oder Renitenz schon mal in die eigenen Hände nimmt- dann doch zu wenig sein. Hier ist Nachholbedarf angesagt; zumindest im second life - oder wohl eben nur dort ...

Der hier erwähnte, zitierte Text, als .pdf von Arn Strohmeyer ist im Netz wohl nicht mehr verfügbar (09.12.2015)

Rechtsrelevant...1

"Wir haben die Neigung, zu den kranken, pathologischen Formen zurückzukehren, die uns so vertraut sind: Als Junkies des Hasses isolieren wir uns von den wirklich oder vermeintlich Hassenden."

Auf diesen Beitrag von Avraham Burg beim Freitag sei hingewiesen, beinahe eine Aufforderung an die selbsternannten, anonymen "Rächer der Enterbten", diese klärgrubigen Dunkelkammerartisten. Sie mögen darin eine gewisse rechtliche Relevanz erkennen.

Ähnlich diesem "...ein fast schizophrener Verfolgungswahn", was dann in einem aktuellen Freitags-Blog und anderswo zu bizarren Diskussionen führte; primär auf der persönlichen Ebene, versteht sich.